Erklärung des Künstlers
Anfang der 1980ger Jahre durchlief ich eine Ausbildung zum Elektrotechniker in der Royal Air Force. 1986 dann arbeitete ich in der Elektroanlage einer Erdölraffinerie in Saudi-Arabien. Ich war fasziniert von den unzähligen Schaltschränken, zwei Meter hoch und einen Meter breit – eine erstaunliche Anzahl von Kabeln und Leitungen in vielen Farben und einer Komplexität, die im völligen Gegensatz zum Äußeren der Boxen standen. Tausende Verbindungen, lebendig durch elektrische Energie.
Die Arbeit in dieser künstlichen Umgebung - die Luft vom Summen und der Resonanz auf vollen Touren laufender Transformatoren geschwängert - war oft fremd und unwirklich für mich. Ich begann diese Schaltschränke nicht mehr nur durch die Augen des Technikers zu sehen, sondern auch mit den Augen eines Künstlers. Meister Eckhart, deutscher Mystiker des 12. Jahrhunderts, sprach in einer seiner Predigten von der Schönheit der Blumen, die von Menschen ungesehen im Verborgenen blühen. Ich stand inmitten der Arabischen Wüste in einem riesigen unterirdischen Bunker, in einer völlig künstlichen Umgebung – und ich hatte die Blumen entdeckt!
Jahre später begann ich, meine eigenen Skulptur-“Einheiten“ als Resonanz auf das Erlebnis im Nahen Osten zu bauen. Ich bemühte mich, die verschiedenen Teile von mir - den Techniker, den Künstler, den Philosophen und den Dichter - wieder miteinander in Einklang zu bringen, die durch Gesellschaft, Arbeit, Bildung und Prägung voneinander getrennt wurden. Viele der großen westlichen Philosophen haben versucht, das Göttlichen und das Physische im Menschen zu vereinen, und sind daran gescheitert. War es denn möglich für einen Techniker tiefsinnige Schönheit in einer elektrischen Installation zu sehen ? Oder erfordert dies die Sensibilität eines Dichters oder Künstlers? Die entstandenen Skulptur-Vitrinen sind kartesische Behälter, in denen die harte, gefühllose Industrie zum Zusammenleben mit Schönheit, Geist und Seele gezwungen ist. Der Dichter William Blake widersprach der Meinung, dass diese Kluft zwischen Material und Geist besteht, da alles schlicht und einfach Energie ist. Ich nutzte die Technologie als Vehikel, um alle separierten Teile von mir wieder zu vereinen, aber genauso um zu zeigen, auf welch seltsame und unbegrenzte Art sich Schönheit manifestieren kann.
Die langen Titel meiner frühen Skulpturen waren nicht nur Versuche die Arbeiten zu erklären. Sie bringen auch die verschiedenen Elemente der Skulpturen – Industrie, Philosophie, Poesie und Kunst – zusammen. Darüber hinaus liegt darin eine Prise Ironie und Zynismus an langen Erklärungen. In unserer westlichen Kultur muss immer alles klargestellt, definiert und erklärt werden. Logisch etikettiert, wissenschaftlich analysiert, rational. Der Schriftsteller Austin Warren sagte einmal, Rationalismus sei wie unerbittlich sengende Sonne. Sie verbrenne die Vegetation.
Nietzsche hat einst behauptet es gäbe viele Wahrheiten. In diesem Licht sehe ich meine Arbeiten. Einer einheitlichen Klassifikation trotzend gehören diese Skulpturen zu einer Art Zwischenwelt, die sich nicht wohlfühlt mit unseren „normalen“ und organisierten Systemen. Diese Maschinen und Geräte funktionieren nicht – sie können es nicht und sie sollen es nicht. Ihre Funktion ist rein ästhetisch und philosophisch. Egal ob sie in einer Galerie oder in der Natur stehen, sie scheinen dem Betrachter seltsam fehl am Platz wegen ihrem industriellen und technischen Aussehen.
John Power